Deine Kanaren

La Alegria, ein Dorf in der Stadt

Eine ältere Dame sitzt auf der Treppe vor ihrem alten Haus. Autos kommen nur selten vorbei. Man kann ohnehin nur langsam in den engen Gassen fahren. Man kann hören, wie die Nachbarin ihren Kaffee vom Herd nimmt. Hier kennt man sich. Seit eh und je wohnen hier die gleichen Familien. „Nur da oben, da wohnen jetzt viele Afrikaner aus Algerien oder Marokko. Aber es sind anständige Leute. Noch ist es so ruhig hier, wie immer. Leben, und Leben lassen. Dann wird es auch so bleiben“, erzählt eine Nachbarin aus La Alegria, das Stadtteil am nördlichen Rand von Santa Cruz.

Der Hafen von Santa Cruz

Die dörfliche Devise scheint zu sein, sprichwörtlich über den Dingen zu stehen. Von hier aus hat man einen Panoramablick über die Hauptstadt. Der Puls der Zeit scheint halt zu machen vor dem Tal, welches die reiche Neubausiedlung „Residencial Anaga“ von La Alegria trennt. Eine Tür geht auf. Zwei Kinder springen auf die Straße. Spielen auf der Straße ist noch möglich. Die Mutter beobachtet ihre Kleinen durchs Küchenfenster. Es ist ein altes typisches Stadthaus, wie man sie auf allen Kanarischen Inseln kennt. Meistens zwölf mal zwölf Meter groß. Je ein Zimmer rechts und links zur Straße hin. Der kleine Gang führt direkt in einen Innenhof. Von dort aus kommt man in die Küche auf der Rückseite des Hauses, in zwei weitere Zimmer und ins Bad.

La Casa Canaria

Viele haben den Grundriss über die Zeiten hin verändert. Der Innenhof wurde überdacht, oder man hat aus zwei kleinen Zimmern ein großes gemacht. Und doch kann man den alten Grundriss noch erkennen. Auch der Kaffee schmeckt noch wie immer. Vielleicht liegt es auch an den alten Tässchen. Der Zucker ist schon drin. Durchs Fenster kann man auf den schönen Lorbeerbaum schauen, der auf dem kleinen Dorfplatz neben dem Haus steht. Hier spürt man nichts vom Treiben der Hauptstadt. Es ist ein Mikrokosmos, der von seinen Bewohnern bis heute so erhalten werden konnte.

Eine schützende Schlucht

Bis jetzt werden die Spekulanten noch von der schützenden Schlucht zurückgehalten. Vielleicht ist es auch der Schein der Armut in La Alegria, der das Interesse der Immobilienmakler von diesem Stadtteil fernhält. Oder es sind die Afrikaner, in deren Nachbarschaft niemand wohnen will. Zum Glück derjenigen, die noch hier wohnen. Diese Ruhe ist Lebensqualität in einer Großstadt. Da nimmt man den zweifelhaften Ruf eines Einwohners von La Alegria gerne in Kauf. Den Service einer Großstadt hat man auch so vor der Haustür. Es sind nur ein paar Schritte zum Hafen und zur Innenstadt.

Wie Bauten von Termiten

Der Kontrast könnte nicht größer sein. Der Berg der scheinbar Armen spiegelt sich in den modernen Glaspalästen wieder. Dort ist es sauber. Die Hochhäuser gleichen unzugänglichen Festungen. Die Eingangspforten sind durch Edelstahlgitter geschützt. Die Angst ihrer Bewohner macht einen Kontakt zur Bevölkerung unmöglich. Die klimatisierten Aufzüge verbreiten Kälte. Die Nachbarn kennen sich nicht untereinander. Man will auch niemanden kennen. Nähe kennt man nur noch übers Internet.

Menschlichkeit zulassen

 

Ganz anders, gegenüber in La Alegria. Wie Termitenbauten an den Berg geklebt. Kein Haus gleicht dem andern. Auch heute wird noch improvisiert. Die Individualität der Menschen von La Alegria macht ein Zusammenleben möglicher und reizvoller als das Wohnen aus der Retorte in den kalten Spiegelpalästen. Menschlichkeit zulassen, mit ihren Stärken und Schwächen, macht lebendig und lässt Raum für die Liebe. Auch wenn sie manchmal in Hass überschlagen kann. Künstliche und gleichmacherische Sicherheit aber, macht einsam.