Deine Kanaren

Gofio oder die Kunst des Überlebens

von Bodo Wilbert

Erfinderisch sind die Menschen immer dann, wenn es darum geht, den leeren Magen zu füllen. Da aber der Homo Sapiens während des Essens schon an die nächste Portion denkt, kann er seine Siesta erst richtig genießen, wenn er sich seines Lebensmittelvorrats sicher ist.

Ihren Eiweißbedarf erhielten die Guanchen aus dem Meer. Ein wahres Buffet von frischen Meeresfrüchten breitete sich vor ihrer Nase aus. Muscheln und Krustentiere aller Art und in allen Größen. Der Eintritt war frei, und man konnte sich so viel nehmen, wie man gerade brauchte. Aus dieser Sicht wurde die Ruhe der Siesta nicht beeinträchtigt.

Auf den grünen Inseln war der vegetarische Bedarf des Speisezettels durch die zahlreichen von subtropischen bis nordischen Früchten und Gemüsen gedeckt. Auf den kargen Inseln (Fuerteventura und Lanzarote) gab es so oft Apfelsinen und Bananen wie in einem leninistisch-marxistischen Supermarkt, und dabei kannten die Guanchen Marx noch nicht einmal. Was aber nie auf einem Küchenzettel fehlen darf, ist Getreide. Denn Getreide macht satt.

Getreide darf nie fehlen. Egal in welcher Form man es auch zu sich nimmt, als Brot oder als Müsli, die Körner dürfen nicht fehlen.Um das Regenwasser besser nutzen zu können, trieben die Ureinwohner der Kanaren Terrassen in die Berge. Wenn dann die Saat in der Muttererde ruhte, brauchte man nur noch auf einen kräftigen Regen zu warten, und schon war die Speisekammer gefüllt.

Was auch auf den grünen Inseln, wie Teneriffa oder La Gomera, fast jedes Jahr gelang. Auf den Wüsteninseln gab es öfter längere Dürreperioden, dann musste man eben so lange warten bis der gesegnete Regen kam. Wenn nicht in diesem Jahr, dann eben im nächsten Jahr. Die Samenkörner des Coscos, ein blutrotes Kraut, welches auf dem Wüstenboden wuchert und abstoßend wirkt bei der Vorstellung, es essen zu müssen, dienten den Canarios während einer langen Dürre zur Gofiozubereitung.

Die Getreidekörner, Weizen, Mais oder eben Coscos wurden geröstet und dann mit Mühlsteinen zu ganz feinem Mehl gemahlen, zu Gofio. Mit ein wenig Wasser, Salz, Chili, Kümmel und zerstoßenem Koriander knetet man es zu einem Teig (pelota de Gofio), der dann in Scheiben geschnitten als Beilage dient. Andere bereiten den Gofioteig mit Zucker oder Honig und getrockneten Früchten zu. Jede „Mama“ hat natürlich ihr eigenes Rezept.

Die Männer bewahrten den Gofio in einem kleinen Ziegenledersack auf, dem Zurron, wenn sie aufs Feld oder zum Fischen gingen. Wie eine Wurst wird das Gofio mit ein wenig Wasser im Zurron über dem Knie gerollt und geknetet.

Vierzehn Tage war Don Agustin mit seinem Esel unterwegs, wenn er von Tuineje, einem kleinen Bergdorf auf Fuerteventura, zur Nordküste ritt, um für den Fischvorrat der Familie zu sorgen. Begleitet wurde er bei diesen langen Touren immer von einem mit Gofio gefüllten Zurron und einer Flasche Rum. Es konnten auch ein paar Flaschen sein. Beides Grundnahrungsmittel der alten Canarios. Der Rum löscht den Durst und man merkt den Ritt auf dem Esel nicht so stark.

„Welch ein‘ Geschmackssound!“ kam einem befreundeten Komponisten aus Berlin über die Lippen, als er ein typisches Gericht probieren durfte. „Sancocho majorero“, Fischtopf aus gepökeltem Fisch und Kartoffeln, eine „pelota de Gofio“, Ziegenkäse, Mojo (scharfe Tunke aus Öl, Knoblauch und Gewürzen) und Rum.

Die meisten mitteleuropäischen Geschmacksnerven sind sicherlich mit dieser Geschmacksvielfalt überfordert.Ein wahrer Genuss ist.“Gofio-escaldado (östliche Inseln) oder auch Escaldon (westliche Inseln). Hier verrührt man den Gofio mit einer Fischbrühe eines „Caldo de Pescado“ (Fischtopf mit frischen Fisch und Kartoffeln) oder der Brühe eines „Pucheros“ (Fleischtopf mit Gemüse) oder der Brühe einer „Potaje“ (Gemüsesuppe) zu einem Brei. Diesen Brei löffelt man mit Zwiebelscheiben und beträufelt ihn mit „Mojo de Cilandro“ (Öltunke mit Knoblauch und Koriander).

Schon die kleinen Kinder gewöhnen sich an den für Mitteleuropäer seltsamen Geschmack des Gofios. Die Flaschenmilch wird mit Gofio und Zucker oder Honig aufgeschüttelt. Und die Erwachsenen trinken das Gleiche zum Frühstück, aber aus einer Tasse.

Ganz egal, ob süß oder pikant, Gofio sättigt. Es gibt auch noch genug davon in der Speisekammer. Den Rest besorgen wir morgen früh. Und der Wein, der war auch gut. Jetzt kann man die Siesta im Schatten einer Palme voll genießen. Die Palmenwedel säuseln im Wind und begleiten das Rauschen des Meeres. Keine Last, keine Sorgen. Kleine Kinder naschen Gofio mit Zucker. Ihr Lachen verliert sich in der Ferne des Traums. Ein spanisches Sprichwort sagt-. „Barriguita Ilena, corazon contento“ (Gefüllter Magen, zufriedenes Herz)