Deine Kanaren

Geschichten aus dem Hafen

Der Hafen in Santa Cruz. Eine Stadt für sich mit eigenen Straßen, mit eigener Polizei und einer eigenen Infrastruktur. Tausende von Menschen arbeiten hier jeden Tag bei der Hafenverwaltung oder bei den zahlreichen Firmen, die dort ansässig sind. Zollagenturen, Speditionen, Werkstätten, Bars, Restaurants liegen zwischen den vielen Lagerhallen. Es ist eine eigene Welt, in der es anders zugeht als anderswo. Obwohl alle irgendwie mit dem Hafen verbunden sind, kennen nur wenige den Alltag des Hafens, der sich über 12 Kilometer Küste erstreckt.

Das Seemannshaus

Jeden Tag kommen Schiffe aus allen Erdteilen und versorgen die Menschen mit allem, was gebraucht wird. Von Zucker über Getreide bis hin zum Computer oder zum Auto. Alles und wirklich alles, was auf der Insel verkauft oder gekauft wird, wird über den Hafen rein oder raus gebracht.

Ein Ort mit eigenen Gesetzen und Regeln und Tausenden von Menschen. Und wo viele Menschen zusammen kommen, da gibt es auch viele Geschichten zu erzählen. Und alle Geschichten finden ihren Platz im Haus der Hafenarbeiter. Hier gehen sie von Mund zu Mund. Hier sitzt die Gewerkschaft der Hafenarbeiter. Hier gibt es eine Krankenstation und natürlich eine Kantine, wo sich alle treffen. Und das schon seit vielen Jahren.

Juan kennt alle

Juan, der seit 38 Jahren einen kleinen Friseurladen direkt hinter der Kantine betreibt, kennt die meisten Geschichten. Auf seinem Stuhl haben die Menschen gelacht, geweint und geschimpft. Er kennt sie alle. Und alle kennen ihn. Heute ist nicht mehr so viel los wie früher. Etwa 250 Hafenarbeiter sind noch bei der Hafengesellschaft angestellt. Noch vor 30 Jahren waren es weit über 2 Tausend, die in verschieden Listen aufgeteilt waren. Es gab eine Liste derjenigen, die an Bord, oder am Boden arbeiteten. Die waren wieder unterteilt in Vorarbeiter oder Arbeiter. Dann gab es eine Liste für fest angestellte oder für Ersatzleute. Kranke oder Alte kamen in der Liste der Wasserträger unter. Sie standen mit zwei Wasserkrügen neben den Arbeitern, um ihnen auf Abruf Trinkwasser zu bringen. In der Sackliste waren diejenigen, die für die kleinen Schiffe zuständig waren. Sie brauchten keine Ausbildung. Sackliste deswegen, weil sie in einem umgeschnallten Sack ihr Butterbrot und ihre anderen persönlichen Sachen bei sich trugen. Geld für eine Tasche oder sogar einen Rucksack gab es nicht.

In der Kantine traf man sich und wartete, dass man aufgerufen wurde. Auf einer kleinen Bühne stand derjenige, der am meisten geliebt und gehasst wurde:

„Ein Schiff an der Ostmole. Ladung Getreide und Linsen. Aus der Liste „Anbord“ Nummer 234 bis 315. Bodenliste, Nummer 340 bis 435. Vorarbeiter Nummer soundso bis soundso. Wasserträger Nummer … und so weiter. Im Süden werden gebraucht, 25 Leute aus der Sackliste.“ Damals brauchte man 100 Leute auf dem Schiff und Hundert am Boden. Heute machen das gleiche vier Arbeiter mit einem großen Kran.

Die Kantine

Manchmal sollen bis zu 6 oder 7 Hundert Leute in der Kantine gewartet haben. Das waren natürlich Juans beste Zeiten. Damals kostete ein Haarschnitt 13 Peseten (21 Cent), einmal rasieren 7 Peseten (12 Cent) oder ein Messerschnitt 35 Peseten (58 Cent). „Ich habe damals am Tag 500 Peseten verdient. Ein Arbeiter verdiente pro Woche nur 135 Peseten.“ Gerne erinnert er sich an die alten Zeiten und erzählt weiter: „Viele Arbeiter waren mit dicken Jacken bekleidet. Auch wenn es 30 Grad heiß war. Sie banden sich die Ärmel am Handgelenk zu und füllten sie zum Beispiel mit Getreide oder Linsen. Ein Kilo Linsen für zu Hause war schon mal die halbe Miete.“ Die Listennummern wurden vom Vater an den Sohn weitergegeben. Der gab sie dann später wieder an seinen Sohn weiter. Ein Cousin von Manuel, der auch schon von jung an im Hafen arbeitete, bekam die begehrte Listennummer sogar von seinem Großvater. Auch heute sind die Jobs im Hafen noch sehr gefragt. Hier kann man gutes Geld verdienen. Das kann aber auch schon mal eine 24-Stundenschicht bedeuten.

Wie ein Olymp

Direkt gegenüber der Kantine ist ein großer Versammlungsraum. Er gleicht ein wenig einem Raum aus dem alten Olymp. Hier wurden die Arbeitsverhältnisse gestritten und diskutiert. Hier wurden die neuesten Informationen an die Arbeiter weitergegeben. Der Vorarbeiter stand dabei sicher oberhalb hinter einer Glasscheibe. Es war nicht einfach mir mehreren Hundert Hafenarbeitern zu streiten. „Früher war es trotzdem lebendiger und schöner“, erzählt Juan, „heute macht das alles ein Computer. Die Maschinen nehmen uns die ganze Arbeit weg.“