Deine Kanaren

Galerie Gran Tarajal

    

Gran Tarajal, die Hauptstadt des Südens

Wüste, Meer und Kultur

von Bodo Wilbert

Ein Hauch von Afrika weht über den Strand und durch die Gassen der Stadt. Gran Tarajal ist der an Afrikas Küste nächste gelegene Ort. Nur 90 Kilometer Atlantik trennen die Küstenstadt vom schwarzen Kontinent. Auf der afrikanischen Seite liegt die Sahara. Fischer erzählen, dass man ganz nah an die afrikanische Küste heranfahren muss, um das Land sehen zu können. Es sei zu flach, um es von Fuerteventura aus sehen zu können.

Aber riechen kann man den Kontinent. Bei Süd- und bei Ostwind wird es heiß und Wolken von Wüstenstaub bedecken die Insel. Da kann es auch schon mal nötig sein, die Nebelscheinwerfer einzusetzen.

Ein Hauch von Afrika vermischt sich mit der salzigen Meeresluft. Manche Asthmatiker hassen dieses Wetter. Ich liebe es.

Vielleicht kommen alte Erinnerungen hoch. Oder es sind Sehnsüchte, die auf das Bewusstsein einwirken.

 

Ein starker Kaffee an der einzigartigen Promenade Gran Tarajals rundet das Erlebnis ab, und das erfrischende Atlantikwasser macht es lebendig. Die ganze Insel ist irgendwie lahm gelegt. Niemand bewegt sich auch nur einen Schritt zu viel. Weder Freund noch Feind, das ist das gute. Die Distanz zu den Sorgen tut gut. Es gibt Raum für die Liebe. Denn die Liebe mag es heiß und salzig.

Die Einwohner Gran Tarajals werden liebevoll von den Einheimischen Fuerteventuras die Krebse genannt. Vielleicht, weil sie so oft während des Afrikawindes am Meer in der Sonne liegen. Rote Haut und ein salziger Geschmack. Und wenn man ihnen zu nahe kommt, ziehen sie sich in ihre Höhlen zurück. Sie würden sich immer rückwärts fortbewegen, behaupten die anderen Inselbewohner.

Aber werden die Krebse aktiv. Dann kann man sie nur mit stark leuchtenden Lampen einfangen. Oder man trifft sie an der Promenade an, in einem der zahlreichen Restaurants. Die Kinder spielen am Strand, während ihre Mütter in den Cafés miteinander palavern. Die Promenade Gran Tarajals lädt dazu ein, sich bei einem Kaffee oder einem Drink fallen zu lassen. Und das bei jeder Tageszeit. Eine sanfte Mischung von kultureller und natürlicher Schönheit macht die besondere Stimmung des Ortes aus.

Entgegen ihres Rufes, Rückschreitende zu sein, waren sie schon immer Vorreiter in Sachen Kultur. Vor zirka 30 Jahren begann eine Gruppe von Jungen Mitbürgern mit für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Kulturprojekten. Viele haben in La Laguna studiert und brachten ein neues Kulturverständnis in ihren Wüsten- und Küstenort Gran Tarajal. Belächelt von den Alten setzten sie störrisch ihre neuen Ideen um. Heute sind die kreativen Geister in der Stadtverwaltung und die Projekte sind zu einem festen Bestandteil der örtlichen Politik geworden.

Dazu gehört ein internationales Clownsfestival, das Fest der Jugend oder auch das von Peter Gabriel maßgeblich beeinflusste Musikfestival WOMAD („World of Music, Arts and Dance“) am Strand Gran Tarajals.

Clever war eine besonders schöne Idee der Kulturschaffenden. Durch die liberale und dadurch etwas wilde Art des Städtebaus entstanden viele freistehende Wände, die das Stadtbild teilweise verschandelten. Da man die Hauseigentümer auch wegen fehlender Mittel nicht zu einer Verschönerung ihrer Bauten zwingen konnte, startete man einen internationalen Wettbewerb für Wandbemalungen. 34 Bewerber wurden ausgewählt, die dann ihre Werke großflächig verwirklichen durften. So wurde aus einem häßlichen Stadtbild eine lebendige öffentliche Galerie.

Gran Tarajal ist mehr als nur ein Tagesausflug wert. Man braucht wie in der Wüste üblich etwas Zeit, um den Charme dieses Ortes und der Menschen wahrzunehmen. Vielleicht bringen Sie einen Tag am Strand Gran Tarajals nach einem typischen Frühstück mit starkem Cafe und belegten Brötchen (Bocadillos). Mittag- und Abendessen an der Promenade und schauen sie den Menschen zu, wie sie ihren Ort leben. Fröhliche Kinder und ausgeglichene Alte trotz Wirtschaftskrise.

Vielleicht können wir von diesen Menschen lernen, wie man den immensen Druck aus dem Kessel läßt, der zu zerbersten droht. Vielleicht können wir etwas Gran Tarajal nach Berlin, Paris oder London bringen. Es ist ein Gedanke wert, auch wenn es unwahrscheinlich klingt. Es ist aber nicht unwahrscheinlich etwas Gran Tarajal in unsern Herzen mitzunehmen.

Ich wünsche Ihnen viel Glück und Freude dabei.