Deine Kanaren

Dort wo die Hexen tanzen

„Eigenartig, das ist ja abgedreht“, denkt wohl jedermann, der sich von Santa Cruz aus die schmale Bergstraße hinauf schlängelt. Schon von weit her kann man das hässliche Gebäude sehen. Wie eine Festung steht es auf einem schmalen Grad des Bergkammes in 600 Metern Höhe. „Das muss ein Gebäude der Regierung oder des Militärs sein“, geht den meisten durch den Kopf. Es ist durchaus eine gute strategische Lage. Von hier aus kann man gut die Nord- und die Südküste überblicken.

Oben angekommen sieht man auf einem Ortsschild den Namen El Bailadero (Die Tanzstätte oder der Ort des Tanzes). Ins Grübeln gelangt man, wenn man das Haus von der Nähe aus sieht. Das hässliche Blau und die Architektur lädt eher zum Weiterfahren ein. Aber die einzigartige Aussicht in die Schluchten von Taganana und San Andres zwingt jeden zum Anhalten.

Erst vor der Tür der Festung stehend und durch die Neugier getrieben erkennt man eine Kneipe. Eine Taverne im alten kanarischen Stil. Alte verglaste Holzvitrinen, wie man sie von den alten Läden aus kennt, dienen als Tresen. Angrenzend entdeckt man einen Speiseraum mit Stahlrohrtischen, die liebevoll und einfach mit weiß-blau karierten Kunststoffdecken bedeckt sind.

Weit und breit ist nichts von Militärs oder Staat zu sehen. Eine alte Dame, ihre Tochter und Enkelin bedienen die wenigen Gäste. Menschen aus der Umgebung, die hier ihren Kaffee trinken. Einige Wanderer nähern sich vorsichtig und treten erstaunt in die Gaststube ein. „Sollte ein Privatmann dieses hässliche Gebäude erstellt haben. Und warum? Warum gerade hier, wo der Wind über den Bergkamm pfeift?“

Erst wenn man etwas von der Geschichte des Ortes erfährt, kann man verstehen. Schon immer wurde dieser Ort von Legenden und Fabeln eingehüllt. Hier sollen früher die Hexen die Männer zum Tanzen verführt haben. Das ist sehr bedauerlich. Die armen Mannsbilder tun mir leid. Das Gekreische der Weiber soll die ängstlichen davon abgehalten haben, sich diesem Ort nachts zu nähern. Verheiratete Frauen haben sich hier mit ihren Liebhabern zu verbotenen Seitensprüngen getroffen. Die Männer waren unschuldig, und sie waren den Damen ganz und gar ausgeliefert. Die Legende der Hexen brachte Schutz vor Entdeckung.

Tagsüber diente der Ort als Knotenpunkt. Damit meine ich nicht, was sie jetzt denken. Die Gangocheras (Lastenträgerinnen) rasteten hier. Hier konnte man essen, trinken und übernachten. Sie kamen aus dem Norden, der Spitze des Anagagebirges, aus dem Süden, der Richtung La Lagunas, aus dem Osten, von Santa Cruz und aus dem Westen, der Schlucht Tagananas. Später gab es auch einen LKW, der die Gangocheras nach Santa Cruz brachte. Auch eine willkommene Transportmöglichkeit für andere Menschen aus der Region. Wie zum Beispiel Doña Lola. Kurz vor der Niederkunft ihrer Zehn Kinder kletterte sie von Taganana aus 800 Meter den Berg hinauf, um von dort aus mit dem LKW nach Santa Cruz zu fahren.

Wenn die Wehen einsetzten, machte sie einen Moment Pause. Nur einmal hat sie es nicht rechtzeitig in die Hauptstadt geschafft.

Natürlich marschierte sie alleine. Ihr Mann Don Pedro musste bei der Familie bleiben. „Harte aber schöne Zeiten“, ihr kurzer aber prägnanter Kommentar. Sie erinnert sich noch gut an diese Zeiten. Als es noch keine Straße gab. Erst 1964, als ihre Tochter, Kind Nummer 8 geboren wurde, wurde ein Schotterweg gebaut. Aber auch den musste sie zu Fuß hinaufgehen.

Wanderer können gut verstehen, warum es die Menschen in diese wunderschöne Landschaft, in die tiefen Schluchten und in den mediterranen Märchenwald zieht. Es ist kein Wunder, wenn man dann an Feen und Hexen denkt. Weil das Gebiet bei den Naturfreunden so beliebt ist, erstellte die Inselregierung 2002 unter Ricardo Melchior eine moderne Herberge. Ideal für diejenigen, die einen zweitägigen oder mehrtägigen Ausflug machen wollen. Manche kommen auch nur, um die Ruhe in den Bergen zu genießen.

Die 4- und 6-Bettenstuben tragen alle den Namen eines Dorfes aus der Region. Bis 10 Uhr abends ist der Haupteingang geöffnet. Sollte man später ankommen, muss man mit der Freundlichkeit des Personals rechnen. An Feiertagen sollte man sich vorher anmelden. Nicht selten ist an solchen Tagen die 40-Bettenherberge ausgebucht. Die Übernachtung ist sehr preiswert. 14 Euro (12 Euro von Montag bis Donnerstag), wenn man länger als 7 Tage bleibt, muss man nur 10 Euro pro Nacht zahlen. Es gibt auch ein Doppelzimmer mit separatem Bad für 30 Euro. Ein Frühstück kostet 2,50 Euro. Ein Mittag oder Abendessen erhält man für 8 Euro.

Wandern kann man von hier aus in alle Richtungen. Wanderkarten und anderes Informationsmaterial sollte man mitbringen. Die Broschüren der Herberge sind für eingefleischte Wanderer zu spärlich. Sollten sie nachts vom Gekreische tanzender Frauen geweckt werden, fürchten sie sich nicht. Freuen sie sich.