Deine Kanaren

Die Kunst des Maestro Agostín

Die Kanaren vor 40 Jahren

Drei Stunden sind sie auf Achse. Das ständige Rattern und Scheppern scheint Frauen und Kinder hypnotisiert zu haben. „Wann kommen wir endlich an“, wiederholen die Blagen wie Gebetsmühlen. Worauf die Mütter fortwährend mit einem monotonen „bald“, „schlaf ein wenig“ oder „trink oder iss etwas“ antworten. Aber diese Dialoge und Monologe verlieren sich in dem Geratter von Blech auf Metall, von Eisen auf Stein und Gummi auf Blech und Fels. Manchmal fügen sie sich in die Geräuschkulisse ein und bilden gemeinsam eine Melodie.

Der Wagen stoppt immer wieder abrupt und donnert ebenso ruckartig weiter. Dicke und kleine Steine schlagen an das Bodenblech oder bringen das Gefährt zum Stehen. Die Reifen drehen durch, weil Fahren im Flugsand einer Fahrt auf Glatteis gleicht. Oder der Wagen setzt auf, weil man bei der Konstruktion des Bedfords nicht daran dachte, dass Maestro Agostín vollbeladen durch die Steinwüste Fuerteventuras kutschieren würde. Die Mütter sitzen in einem etwa fünf bis sechs Meter langem Fischerboot. Die vier Kinder auch. Sowie die drei Ziegen, zwei ältere und eine jüngere. Sie hocken auf Matratzen, auf Decken oder auf einer Plane eines antiken Lastwagens. Zwischen den Beinen und drum herum stehen Kisten mit Essensvorräten und Heu, das vor den hungrigen Ziegen geschützt werden muss. Das Boot steckt von hinten in dem weit geöffneten Laderaum des damals schon 20 Jahre alten Bedfords und schaut einige Meter aus dem Wagen heraus.

Jetzt müssen alle aus diesem einzigartigen „Amphibienfahrzeug“ klettern, um es wieder einmal unter der Regie der beiden Männer, die auf den vorderen Plätzen sitzen, aus einer Sandkuhle hinauszuschieben. Der Motor heult auf, und nach einigen Schlägen gegen das Bodenblech bewegt sich das Gefährt circa 50 Meter weiter. Die Familie läuft hinter her, und die Fahrt zu einem einsamen Strand kann fortgesetzt werden.

Fünf Stunden kann die Reise zu einer kleinen geschützten Bucht dauern, die Luftlinie 15 bis 20 Kilometer von Gran Tarajal, dem Heimatort der Familie, entfernt liegt.

Der Bereich, wo mehrmals ein Auto lang fährt, nennt man einen Weg. Der Verlauf eines Weges verändert sich immer wieder nach einem starken Regen.

Vierzehn Tage will Maestro Agostín mit der Familie an der Küste bleiben. Seine Schmiedewerkstatt bleibt ohne viel Aufhebens geschlossen. Ursprünglich wollten sie zehn Tage früher an den Strand. Ein Auftrag für einen zehn Tausend Liter Tank aus Stahlblech verzögerte sich um etwa zwei Wochen, weil eine Materiallieferung aus Las Palmas wie gewöhnlich auf sich warten ließ. Natürlich meckern alle ständig über die Umstände, obwohl sie es alle im Inneren akzeptieren, akzeptieren müssen. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig. Man stellt sich automatisch auf gewisse Auszeiten wegen Materialmangels ein. Letztendlich überwiegen die Zwangspausen und stoppen den Tatendrang.

Es käme einem Schock gleich, wenn unerwartet alles präzise und pünktlich funktionieren würde. Gar nicht auszudenken, was dann passieren würde. Nach mehreren unfreiwilligen Stopps kommen sie an einer total verlassenen Bucht am Ende eines unwegsamen Tales an. Ein schwarzer Sandstrand gemischt mit von Wasser blank gewaschenen Felsen und Steinen liegt geschützt am Fuße einer kleinen Bucht.

Die alte Lastwagenplane vor die Tür des Wagens gespannt dient als Unterschlupf zum Schlafen und Kochen. Während die Frauen sich um die Kinder, die luftige Behausung und die Ziegen kümmern, machen die Männer das Boot startklar. Noch Heute gegen Abend legen sie das Netz so aus, dass die Fische, die nachts an die Küste zum Fressen kommen, sich im Netz verfangen. Der Fang am nächsten Morgen ist so reichhaltig, dass nur noch Platz für einen Mann im Boot ist. Würde das Boot nur zehn Zentimeter tiefer liegen, ginge es unter. Ein zirka zwei Meter langer Hai muss im Schlepptau an den Strand geschleppt werden. Alle fassen an. Das Boot muss auf den Strand bugsiert werden, der Fisch wird sofort von den Frauen geputzt und die Kinder machen hier und dort kleine Handreichungen.

Der gesäuberte Fisch wird von der Rückenseite aus zu „Jaréas“ aufgeschnitten, aufgeklappt, gesalzen und dann auf den von der Sonne aufgeheizten Steinen getrocknet. Auf diese Weise kann man ihn direkt am Strand konservieren. Zu Hause werden die „Jaréas“ auf offenem Feuer oder auf einer heißen Platte gegrillt. Dazu Kartoffeln, Mojo und ein Glas Wein. Für die nächsten Wochen ist der Tisch gedeckt.

Was zu Hause schmeckt, mundet erst recht am Strand. Es fehlt an nichts. Während die Männer den Fisch über einem Lagerfeuer grillen, kochen die Frauen die Kartoffeln mit Meerwasser über einem Gaskocher. Heute Abend gibt es auch „Lapas“ (Napfschnecken) vom Grill mit reichlich Knoblauch, der nie fehlen darf. Danach gibt es Kaffee mit frischer Ziegenmilch. Das Leben kann so schön sein.

Agostìn sichert seine kleinen Töchter, die siebenjährigen Zwillinge, an einer langen Schnur. Und dann klettern die beiden Mädchen in der Brandung zwischen den Felsen herum, um die Lapas von den Felsen zu pflücken. Bei einer hohen Welle zieht er die Mädchen kurz und bündig nach oben. Passiert ist noch nie etwas. Er hat keine Angst um seine Töchter. Er kennt das Meer. Er riecht es fast förmlich, wenn sich Gefahr etwa durch eine über hohe Welle der Küste nähert. Hier ist er aufgewachsen. Er hat nie etwas anderes gemacht.

Erfindungsreich ist Agostìn auch in seiner Schmiedewerkstatt. Ungewöhnlich sauber ist seine Werkstatt für hiesige Verhältnisse. „Es ist nicht derjenige sauberer, der öfter sauber macht, sonder der, der weniger schmutzig macht“, erzählt er denjenigen, die ihn auf seine Sauberkeit ansprechen. Es gibt nichts, was Maestro Agostín nicht in seiner Werkstatt machen könnte. Eine einfache Drehbank von anno dazumal, ein Karbid Gasbrenner zum Schweißen und Erhitzen und natürlich auch ein Schmiedefeuer mit einem Amboss sind seine wichtigsten Werkzeuge. El Maestro arbeitet immer noch mit Karbid für seinen Gasbrenner. Er legt einen kleinen Karbidstein in eine zirka einen Meter hohe Stahlflasche, schüttet etwas Wasser darüber, schließt das Behältnis luftdicht ab und einen Moment später kann er schon schweißen.

Eigentlich ist er ein Künstler mit einem außerordentlichen Improvisationstalent. Alles, was man aus Eisen und Stahl machen kann, macht er. Wenn ein Ersatzteil eines Motors fehlt, dann baut er es kurzerhand nach. Sein alter Bedford besteht schon zur Hälfte aus eigenen Teilen. Der Fahrersitz stammt aus einem abgestürzten Privatflugzeug.

Gerade kommt ein neuer Kunde in die Werkstatt. Die Aufhängung der Fahrertür seines Jeeps ist abgerissen. Keine Seltenheit bei diesen schlechten Wüstenpisten. Agostín nutzt die Gelegenheit zu einer Demonstration. Er zieht ein staubiges Stück Blech aus einer Kiste. Da es etwas zu dünn ist, erwärmt er es ein wenig und faltet es auf dem Amboss zur doppelten Stärke. Das alte Teil benutzt er als Schablone. Mit einem Meißel schneidet er das Teil aus. Dann gibt er dem erhitzten Teil die Formen, die es haben muss, bohrt drei Löcher, schraubt es an und hängt die Tür ein. 45 Minuten dauert das Spektakel. Nordeuropäer kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Und wir sind stolz auf unser Abitur“, denken einige laut. Als Agostín seinen verdienten Lohn einsteckt, sagt er mit einem Lächeln, „Es kommt nichts böses, was nicht auch irgend etwas gutes mit sich bringt“.

Reusen

Bekannt ist Maestro Agostín bei den Fischern. Damit sie ihre Reusen, die teilweise bis zu dreihundert Meter tief im Wasser liegen, besser aus dem Meer ziehen können, baut er aus einem alten Lastwagendifferential eine Winde, die sie an ihrem Bootsdiesel anflanschen. Das ist natürlich eine geniale Hilfe für die harte Arbeit, die die Fischer auf hoher See verrichten müssen. Fischer von allen sieben Inseln kommen nach Gran Tarajal auf Fuerteventura, um sich bei Maestro Agostín ein „Molenillo“, so nennen die Fischer die Winde ein wenig schmeichelhaft, zu kaufen. Es gibt zwei Klassen Fischer auf den Inseln. Diejenigen mit und die ohne „Molenillo“.

Aber auch die Landwirtschaft würde anders aussehen ohne Maestro Agostín. Fast alle Windmühlen und die dazu gehörigen Pumpen, um das etwas salzhaltige aber lebenswichtige Wasser aus den Brunnen zu pumpen, hat Maestro Agostín aufgebaut.

„Wir warten und essen gleichzeitig“, so empfängt er diejenigen, die zu spät am Mittagstisch erscheinen.

Er kocht schon Kaffee, während die anderen noch beim Essen sind. Er trinkt Kaffee und raucht Krüger aus schwarzem Tabak zum Nachtisch. Und dann geht es ohne Umwege direkt auf die Couch. Das Haus müsste abbrennen, um ihn von seiner Couch während der täglichen Siesta zu vertreiben.