Deine Kanaren

Das Dorf der Verrückten

Die alten Villen sind stumme Zeugen aus der Zeit, als San Juan de la Rambla noch das Dorf der vermögenden Großgrundbesitzer war. Die Sklaven lebten in den Bergen neben den Bananenplantagen. Während die Reichen durch ihr schönes Dorf flanierten, mussten die Arbeiter oft um ihr Leben fürchten. Noch in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, erzählt man, exekutierten einige Großgrundbesitzer aufsässige Sklaven gleich selbst an einem hausgemachten Galgen in einer Scheune. Arbeitgeber als Richter und Henker.

Durch die Demokratie nach Francos Tod vertauschten sich die Rollen. Die Nachkommen der Plantagenarbeiter wohnen heute in dem Stadtteil San Jose, das durch den regen Fortpflanzungswillen seiner Bewohner gegenwärtig den bevölkerungsreichsten Teil der Gemeinde ausmacht. Als späte Rache, sagen viel, verlegte der von der Landbevölkerung gewählte Bürgermeister erst einmal das Rathaus in den Stadtteil San Jose. Eine Schmach, die den Bürgern der Altstadt schon seit Jahren auf der Seele drückt. An fast jedem zweiten Balkon hängt ein Spruchband als Protest gegen die Schließung ihres alten Rathauses.

Die Geschichte aus der Francozeit ist nie aufgearbeitet worden. Noch heute leben die Enkel der Täter neben den Nachkommen der Opfer. Noch bis in die 60er Jahre hinein besaßen die Grundbesitzer das Recht auf die erste Nacht. Man könnte auch sagen, das Recht, die Braut zu vergewaltigen.

Aber das Leben geht weiter, als wäre nichts geschehen. So erscheint es zumindest an der Oberfläche. Vielleicht liegt es am herben und guten Wein, oder es ist ja doch etwas dran an der Legende, die man sich auf Teneriffa erzählt.

„Wer zu lange in San Juan de la Rambla wohnt, wird verrückt.“ Das Dorf im Norden der Insel ist jedenfalls einen Ausflug wert. Manche verpassen die Ausfahrt von der Schnellstraße ins Dorf der Verrückten und merken erst zu spät, dass sie an einem besonderen Dorf am Meer gelegen vorbeifuhren. Ist möglich, dass dies der Grund für die Stille in dem kleinen Ort ist. Gemächlich geht es zu. Eine Frau mit Kinderwagen, zwei Rentner sitzen auf ihrer Bank, nur wenige Autos fahren langsam durch die engen Gassen.

Versteckt in einem alten Palast führt Javier Belmonte die Galerie und Bibliothek Antonin Artaud. Kunstliebhaber sollten einen Besuch dieses einzigartigen Ortes einplanen. Neben Werkstätten, wo Belmonte und sein kleines Team mit alten Techniken Kunstgrafiken herstellen, kann man hier die größte Sammlung Teneriffas an Kunstbänden durchsehen.

Künstler und Kunsthistoriker kennen den Wert der Bibliothek Antonin Artaud in San Juan de la Rambla. Javier Belmonte konnte in den letzten Jahren eine bedeutende Sammlung von Kunstbänden und Literatur über Kunst zusammen tragen. Alleine durch seine Eigeninitiative kann er der Öffentlichkeit nun die größte Bibliothek über Kunst zur Verfügung stellen.

 

Seine Bibliothek Antonin Artaud in einer alten Villa ist aber auch Galerie, Kunstwerkstatt und Museum und gehört zu den ersten Adressen Spaniens. In seinen Werkstätten stellt er vom eigenen Papier bis zum fertigen Kunstdruck alles her, natürlich nach traditioneller Art. Die Erhaltung alter Techniken gehört zum Leitfaden seines Tuns. Ohne aber den Anschluss zu den modernen digitalen Techniken verloren zu haben. Sein Idealismus führte zu einem Lebenswerk, welches in aller Welt geachtet und beobachtet wird.

Zu seinen neuesten Errungenschaften gehört nun eine beträchtliche Literatursammlung über die Konzentrationslager in Frankreich, wo die Flüchtlinge aus dem spanischen Bürgerkrieg (1936-1938) unter unmenschlichen Umständen festgehalten wurden. Unter den Häftlingen, wie im Konzentrationslager de Argelès Sur Mer, waren auch Schriftsteller, Journalisten, Künstler und Poeten, wie der bekannte Poet Antonio Machado, der in Frankreich verstorben ist.

Die Freiheit suchend wurde den Flüchtlingen an der Grenze zu Frankreich erst einmal ihr Hab und Gut abgenommen, um sie dann in den abscheulichen Lagern unterzubringen. Belmonte: „Ja, die Franzosen streckten nicht die Arme hoch und hießen die Menschen herzlich Willkommen, wie es viele denken.“ Die spanischen Flüchtlinge litten unter Hunger und Kälte und wurden wie Tiere gehalten.

Dann zeigte er seine Schätze. Durch seine Verbindungen nach Frankreich – er lebte viele Jahre dort – konnte er eine große Anzahl von Zeichnungen, Bildern und Plakaten, die von Häftlingen im Lager de Argeles gemacht wurden zusammentragen. Alle wurden auf geheimem Wege aus den Lagern gebracht. Viele hätten den sofortigen Tod für die Künstler bedeutet.

Die eindrucksvollsten Werke stellen die grausame Realität, die in den Lagern herrschte, dar. Andere verdrängten ihre schrecklichen Erfahrungen und flüchteten sich in ihren Träumen. Wiederum andere zeichneten Plakate, die dann von Freunden vielfach gedruckt und verteilt wurden. Die Werke sind schweigsame Zeugen, und doch sprechen sie für sich allein.

 

Javier Belmonte möchte unter allen Umständen verhindern, dass diese Zeit in Vergessenheit gerät. Auschwitz und Dachau werfen einen großen Schatten über anderes Unrecht, welches zur gleichen Zeit stattgefunden hat. Die Opfer aber, die teilweise noch bis 1947 in de Argeles einsaßen, haben es verdient, dass man ihrer gedenkt.

Oft kann man bei einem Spaziergang durch die alten Gassen einen Blick in die Innenhöfe der alten spanischen und portugiesischen Villen werfen. Vielleicht nach einem erfrischenden Bad im natürlichen Meerwasserpool direkt vor dem Ort gelegen.

Aber bitte, bewegen Sie sich nicht zu schnell.