Deine Kanaren

Café, Café, Café

Es ist eine Notwendigkeit für die Menschen der Kanaren. Ein Plausch, man grüßt sich, man sieht sich. Lebensfreude teilen. Die Familie trifft sich am Küchentisch. Hier sind auch gute Freunde willkommen. In der Stadt ist es das Café. Hier wird geschätzt, hier tauscht man Meinungen aus. Im Café werden Geschäfte gemacht, während man nebenan flirtet oder seinen besten Freund bei einer Krise unterstützt. Andere setzen sich ins Café, um zu träumen oder auch zu leiden.

Jeden Morgen im gleichen Café

Ein alter Herr, es ist noch früh. Die Stadt erwacht gerade von der nächtlichen Ruhe. Er konnte sowieso nicht lange schlafen. Sein morgendliches Ritual zieht er in die Länge. Mit den Gedanken war er schon im Café. Jeden Morgen das gleiche Café und der gleiche Tisch.

Der Kellner weiß. Ein Espresso mit viel Zucker. „Guten Morgen Don, wie geht es Ihnen“, sind die ersten Worte, die er jeden Morgen hört. Vielleicht sind es auch die Letzten. Wenn der Kellner am Nachbartisch serviert, richtet er sich auf und simuliert Interesse. So, als wäre er beschäftigt, oder als warte er auf jemanden. Und einen zweiten Café kann er sich nicht leisten. Vielleicht ist seine Rente zu klein, oder der Arzt hat es ihm verboten. Der Kellner kennt sein Verhalten und verschwindet schnell aus seinem Blickfeld, damit er sich wieder ruhig in den Stuhl fallen lassen kann. Er soll sich wohl fühlen. Keinesfalls soll er sich bedrängt fühlen.

Der Kellner kennt die Sorgen seiner Gäste

Mit ein paar freundlichen Worten ermutigt er seinen Alten zum Bleiben. Es ist ja schließlich sein Café, dort, wo man sich trifft, aber auch alleine träumen darf. In der Zwischenzeit murmelt der Alte vor sich hin. Er spricht mit sich selbst, um das Sprechen nicht zu verlernen.

Da haben es die anderen besser. Ganz in der Nähe sitzen sie an ihrem Stammtisch. Es ist ein großes Glück, wenn man den Lebensabend mit Freunden teilen kann. Und das tun sie auch. Sie teilen ihre Erinnerungen.

Wichtige Gespräche …

Sie versuchen, ihr Leben weiterzuleben, wie sie es früher getan haben. Als sie noch Verantwortung trugen. Einige hatten ihr eigenes Geschäft in der Nähe. Ihre Kinder haben jetzt ihren Platz eingenommen. Selbstbewusst sagen sie sich, was sie denken über die Menschen, über die Welt. Hier im Café werden sie nicht gestört. Niemand schaut sie vorwurfsvoll an, weil sie morgens schon im Café sitzen. Hier nicht. Hier sind ja schließlich alle zu Hause.

… wichtige Geschäfte
Pepe immer mitten drin

Gut, dass es Pepe noch gibt. Er ist der Einzige, der noch übrig geblieben ist von den vielen Schuhputzern. Niemand putzt so gut wie er. Und ein Plausch mit ihm ist immer lustig.

 

 

 

 

Liebe und Verzweiflung

Das Gelächter einiger junger Frauen schallt herüber. Herausgeputzt, mit bemalten Lippen und neuester Sonnenbrille genießen sie die frische Morgenbrise, die vom Meer herüber weht. Ihre Freude ist ansteckend. Frühlingsgefühle und die Frische von fruchtigem Parfum vermischen sich mit dem Rauschen der Blätter, die gleichzeitig noch einen angenehmen Schatten spenden.

Die Alten leben noch einmal kurz auf. Für einen Moment schließen sie ihre Augen und erinnern sich an Bilder aus ihrer Jugendzeit. Aber so, dass die andern nichts von ihren Träumen mitbekommen. Auch jetzt im Alter schämen sie sich als Männer für ihre Gefühle. Schnell beginnen sie ein anderes Gespräch, um von ihren intimen Leidenschaften abzulenken. Er konnte es aber nicht verbergen. Zu lange kennen sie sich schon. Alle leben diesen Traum der versäumten oder der gelebten Liebe. Hier im gleichen Café haben sich diese schönen Momente abgespielt.

Vom Friseur ins Café

Eine alte Dame. Sie hat sich ihren schönsten Rock und ihre eleganteste Bluse angezogen. Die Haare toupiert. Mehrere Schichten Make-ups sind ihr von der Verkäuferin aufgeschwätzt worden. Sie scheint einsam und verbittert. Mit Gier zieht sie an ihrer Zigarette, als wolle sie das Leben in sich hinein saugen. Sie wirbt für sich und gleichzeitig schreckt sie Liebenswürdigkeiten ab. Sie will nicht noch einmal verletzt werden. Die Angst ist zu groß. Obwohl die Einsamkeit unerträglich ist, schafft sie es nicht, sich anderen zu öffnen. Ein wenig Trost findet sie im Café. Für einen Moment eintauchen in die Lebensfreude der andern. Ein wenig Kraft tanken für das Alleinsein zu Hause. Nur bei den vielen Telenovelas, die den ganzen Nachmittag von vielen Kanälen übertragen werden, lebt sie noch ein wenig auf. Hier spürt sie noch Liebe, Sehnsucht, Trauer und Hass.

Schnell noch ein kleines Frühstück im Café an der Ecke

Das tägliche Frühstück will man sich nicht entgehen lassen. Im Café schmeckt es besser als zu Hause. Abstand nehmen vom Job, vom Stress oder vom Chef oder von den Kollegen. Ein nettes Gespräch zur Entspannung. Bei den andern dreht es sich weiter im Kopf, während sie genussvoll in ihr Sandwich oder ihren Weck beißen. Der Zuckerspiegel braucht Nahrung, um weiter funktionieren zu können. Gleich muss wieder volle Leistung gebracht werden. Und das jeden Tag, jede Woche und jedes Jahr. „Gut, dass es das Café an der Ecke gibt. Und gut, dass wir auf den Kanaren sind. Denn was würde mit uns geschehen, wenn wir diese kleinen aber wunderschönen Momente nicht hätten. Im Café. In unserm Café.“

Un café con leche por favor

Der Kellner nickt nur. Er weiß, was los ist mit den Menschen. Tausende Geschichten könnte er erzählen. Die Geschichte der Stadt steht in seinem Gesicht. Er spielt den Kaspar beim täglichen Spiel zwischen Liebe, Freude und Verzweiflung.