Deine Kanaren

Cofete

Cofete, Legenden und Erzählungen

von Bodo Wilbert

Fast hätte es ihn umgehauen. War es der starke Wind? Oder war es der überraschend eindrucksvolle und wunderschöne Ausblick? Niemand aus der Reisegruppe rechnete mit diesem fantastischen Ausblick, als sie die Staubstraße des kleinen Bergpasses hinauffuhren. Eigentlich waren sie nur damit beschäftigt, sich von Schlagloch zu Schlagloch zu hangeln. Der offene Jeep war wie ein fahrender Raubtierkäfig. An den Eisenstangen konnte und musste man sich festhalten, damit man nicht in einer Kurve aus dem Gefährt geschleudert wurde. Der Fahrer kannte die holprige Strecke natürlich und wusste, mit welcher Geschwindigkeit man diese Strecke fahren kann.

Nach einer Weile vertrauten die Fahrgäste ihrem Fahrer und empfanden sogar Spaß bei der rasenden Fahrt durch die Wüste Fuerteventuras. Trotz Staub und dem tosenden Geratter der Eisenstangen.

Bis hierhin hatte sich die Fahrt gelohnt. Das war sicher. Zuerst zweifelte Klaus, als er die Fahrt mit dem Jeep gebucht hatte. Sollte er sich diese Tortur antun im Urlaub? Mit einem Jeep durch die Wüste fahren? Wo es doch an der Poolbar so angenehm sein könnte. Fruchtige und erfrischende Cocktails von einer jungen und äußerst hübschen Kellnerin serviert. Das tauscht man doch nicht gegen eine staubige Jeepfahrt ein?

Aber jetzt, als er diesen Ausblick über den Strand von Cofete genießen konnte, war die Erinnerung an die Poolbar schlagartig verschwunden.

Und dabei war es doch nur ein schöner Ausblick. Aber irgendetwas besonderes und unbekanntes machte die Magie dieses Platzes aus. All seine Mitreisenden drückten ständig auf die Auslöser ihrer Kameras. Es war wie ein Blitzgewitter beim Fotoshooting einer Diva. Nur daß dieser Ort die Wirkung eines jeden Filmstars verblassen läßt.

Eine tobende und aufgewühlte Welle nach der anderen donnerte auf den etwa ein Kilometer langen weißen Sandstrand. Der starke Nord-West-Passat schmettert den kühlen Atlantik mit einer Engelsgeduld auf die Küste. Ein Schauspiel der Elemente. Das Element Wasser, der gewaltige Atlantik, kämpft mit dem Element Erde, der trockenen Wüste Fuerteventuras, als ginge es um Leben und Tod. Die Elemente Feuer und Luft kommen auch nicht zu kurz. Feuer und Luft werden eindrucksvoll von der heißen Sonne, von dem strahlend blauen Himmel und dem starken Wind vertreten.

Auch Naturmuffeln entschlüpft ein staunendes oh oder wau bei diesem Ausblick. Vielleicht sind wir doch im Innern mit dem Kosmos verbunden und werden sozusagen automatisch von der ergreifenden Schönheit der Natur überwältigt. Dies kann man zumindest dort am höchsten Punkt des Passes nach Cofete beobachten.

Vielleicht sind es aber auch die vielen Legenden über Cofete, die seit Jahrzehnten erzählt und weitergetragen werden und unsere Neugierde erwachen läßt.

Vor allem die Legenden um die Casa Winter, einer Villa, die für Hitler gebaut worden sein soll. Der Grundriss der Villa Winter und der Hitlerresidenz am Obersalzberg sollen sich ähneln. Sogar das Baumaterial soll mit Schiffen aus Deutschland gebracht worden sein. Der Ingenieur Winter leitete den Bau und wurde nach dem Krieg Besitzer dieser Villa und dem dazugehörigen Land.

Es gibt sogar Gerüchte, dass Hitler selbst dort gewesen sein soll. Und zwar nach dem Krieg. Er soll über Fuerteventura nach Argentinien geflüchtet sein. Manche Alten behaupten sogar, Hitler sei mit einem UFO geflüchtet.

Bei solchen Geschichten kann die Fantasie angeregt werden. Und aus Legenden werden wieder neue Legenden. Was ist wahr? Und was entspringt der Fantasie, angeregt durch die heiße Sonne?

Majestätisch steht die Villa Winter im Tal von Cofete. Geschützt durch hohe Berge und die Einsamkeit Fuerteventuras. So könnte man sich das Ende der Welt vorstellen. Vor allem vor 70 Jahren, als die Deutschen hier einen Militärstützpunkt errichten wollten.

Ein U-Boothafen sollte entstehen mit einem Tunnel vom Meer bis zur Villa. Ein Umschlaghafen, wo die Japaner mit U-Booten Seide für Fallschirme anlieferten und sie gegen Quecksilber tauschten, der von deutschen U-Booten hierhergebracht wurde. Strafgefangene mussten die harte Arbeit verrichten in dunklen und tiefen Bunkern unter der Erde am Ende der Welt.

Nur Menschen können sich so etwas einfallen lassen. Die Schizophrenie der Machtbesessenheit. Der Blick für das Wesentliche geht verloren. Blinde werden von Blinden geführt. Mitten in der imposanten Schönheit der Natur.

Aber das sind die spannenden Geschichten, denen man zuhören will. Läßt man sich aber auf das Schauspiel der Natur Cofetes ein, dann verschwinden alle Legenden aus dem Bewusstsein. Das kleine Dorf mit den Steinhäusern aus schwarzem Basalt spiegelt die Härte des materiellen Lebens wider. Es war und ist nicht einfach in Cofete zu überleben.

Meeresfrüchte gab es im Überfluss. Wilde Ziegen sorgten für die Milch und den Käse. Brunnenwasser konnte für den Anbau von Gemüse sorgen. Aber man erkennt sofort, dass dies kein Kinderspiel war. Alles ist nur durch sehr harte Arbeit unter der heißen Sonne Fuerteventuras entstanden. Aber es gab kein Druck. Kein Zeitdruck. Denn der Tisch war gedeckt. Das war das wichtigste. Ein ständiger Existenzkampf, der aber an seiner Schönheit nicht übertroffen werden konnte.

 

Durch den starken Wind entstanden kleine Wanderdünen, die auch als Totengräber auf dem kleinen Friedhof am Strand fungierten. Begraben am Ende der Welt. Dies sind starke Emotionen, die den Besucher unbewusst ergreifen. Der Besucher erkennt die wilde Schönheit Cofetes. Aber bleiben will man nicht.

Klaus denkt schon an die Cocktails der Poolbar. Nach der langen und staubigen Fahrt wäscht man sich erst einmal den Staub Cofetes unter der Dusche weg. Der Komfort des Hotels tut gerade jetzt gut. Der Ausflug war eindrucksvoll und hat sich gelohnt aber zurückkommen werden die meisten nicht.